Ich glaube, ich bin ein Wort; ein Name. Oder ein Buchstabe, vielleicht auch nur der Klang davon. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr Einzelteile habe ich. Ich bestehe, ich fühle, ich bin. Ich bin, ich bin, ich bin.

I: PSYCHEDELIKASTREET

Die Straße fühlte sich schwer an. Sie merkte es schon aus einiger Entfernung und spürte das Pulsieren bis in ihre Fingerspitzen. Einen Moment lang wollte sie sich umdrehen und endgültig dem Sog entkommen. Dann erinnerte sie sich, wie sie ohne die Psychedelikastreet funktionierte. Überhaupt nicht. Ihr Puls stieg, als sie das Straßenschild erreichte. Es hing schräg an einem metallenen Kreuz; ein wenig verdreht, als hätte jemand es gestreift. Kaum hatte sie es passiert, war die Wirkung, die sie gleichzeitig fürchtete und liebte, sofort da. Ihr Körper kribbelte, sie spürte, wie sich die Haare auf ihren Armen aufstellten, wie ihr Fokus klarer wurde und sich ihre Schritte leichter anfühlten. Alles, was in ihrem Alltag um sie herumschwirrte, war auf einmal weg, als hätte es nie existiert und sie nie hierhergetrieben. Wenn sie die Augen schloss, herrschte Dunkelheit und das war der größte Luxus, den sie sich in diesem Moment vorstellen konnte. 

Ein Blick die Straße hinunter zeigte aneinandergereihte Häuser mit abblätternden Fassaden, die trotz allem ihren Charme behalten hatten. Fachwerk setzte sich von verputzten Wänden ab, die Schlagläden der Häuser kamen ihr fast schon unnatürlich bunt vor, aber die Überintensität war eine Nebenwirkung, an die sie sich bereits vor Jahren gewöhnt hatte. Unter Lichterketten, die von rechts nach links über die Dächer gespannt wurden und unter eisernen Balkongeländern, erkannte sie tiefhängende Blumentöpfe. Einige Pflanzen hätten fast ihr Gesicht berühren können, wenn sie sich nicht mittig gehalten hätte, den Pflastersteinen folgend. Wie immer war es voll. 

Menschen drängten sich in kleinen Geschäften; einige Decken waren so tief, dass sie gebeugt stehen mussten. Andere lehnten draußen an Tischen und tranken. Selbst wenn sie hätte innehalten wollen, wäre es unmöglich gewesen – sie hatte es oft versucht, doch sobald man die Straße betrat, war Umkehren keine Option mehr. Sie begann zu schwitzen, als sie näherkam, als würde das Pflaster unter ihr brennen, und ihre Augen hefteten sich automatisch auf das winzige Geschäft um die Ecke. Rot gestrichen, mit einem schrägen Dach, dünnen Fenstern und einem verrosteten Brunnen vor der Tür, lag die Pharmazie da. Das Gebäude musste eines der ältesten in der Stadt sein – nahe am Fluss mit einem Mühlrad auf einer Seite und einer klapprigen Bank neben der Tür, auf der sie noch nie jemanden hatte sitzen sehen. In das Holz des Türrahmens war die Zahl „1777“ geritzt worden, ein wenig gekritzelt, als hätte die Zeit nicht gereicht, um sich mehr Mühe zu geben. 

Der Geruch fing sie auf den ersten zehn Metern vor der Tür ein. Ein wenig modrig, der Fluss atmete in den Zellen des Steins, und gleichzeitig vertraut, als wäre sie selbst schon in ihm getrieben. Sie hoffte, ihren Blick auf undurchsichtiges Seetanggrün gerichtet, das Letzteres nicht der Fall gewesen war. Aber manchmal war ihre Erinnerung nach der Apotheke nicht mehr vollständig. Durchbrochen wurde der Geruch nur durch eine feinere Note, sie glaubte, diese als Ingwer ausmachen zu können; ein wenig träge auf der Haut und beruhigend, als würde der Geruch sie auf irgendeine Weise verankern. Und doch spürte sie die innere Unruhe, eine unsichtbare Hand griff nach ihr und zog sie nach drinnen. Die Glocke über der Tür klingelte leise, als sie eintrat und sich Erkenntnis in ihr ausbreitete; das Unterbewusstsein flüsterte ihr zu, sie würde richtig handeln. 

Sie wusste, dass dem nicht so war, und doch atmete etwas in ihr erleichtert auf, als hätte sie nie eine andere Wahl gehabt. Ihr Blick fixierte die Holzregale hinter dem Tresen, es fiel ihr schwer sich auf andere Dosen, Tuben und Flaschen zu konzentrieren. Wie magisch angezogen hörte sie das Flüstern der kupferfarbenen Gefäße, alle alt, häufig geöffnet und geschlossen. Der Gedanke war nur wenige Sekunden lang bitter, weil sie wusste, wie gut die Essenz im Inneren war. Sie hörte bisher niemanden zum Tresen kommen, aber sie war es gewohnt zu warten. An diesem Ort fühlte es sich angebracht an. Ihr Blick folgte den Schriften auf den Dosen, elegant mit Serifen und schwarzer Tinte, geschwungen, als wäre es eine Kunst, sie ansprechend zu machen. Sie wusste mittlerweile genau, was wo stand. Dissoziativa neben Psychedelika, Antidementiva neben Tranquillanzien, Depressiva neben Neuroleptika. Und doch kehrte ihr Blick immer zu dem einen Gefäß weiter oben auf dem Regal zurück, ein wenig kleiner als die anderen und sogar ein bisschen verstaubt: Aphrodisiakum.  Der Apotheker erschien aus einem Hinterzimmer, die Lippen zusammengepresst, den Blick auf ihr. Sie spürte seine Resignation und wusste, dass er gehofft hatte, sie würde nicht wiederkommen.

„Hallo“, sagte sie trotzdem und ihre Stimme hatte etwas Atemloses, als hätte sie den ganzen Tag keinen einzigen vollen Atemzug genommen. Vielleicht stimmte das sogar. Er nickte ihr zu und griff nach der Dose, das Ziehen in ihrem Körper wurde stärker. Nur noch 15 Minuten, bis sie ihn wiedersehen würde. Der Apotheker streckte die Hand aus und sie legte ihre Handtasche auf den Tresen. Sie würde in einem Regal dahinter aufbewahrt werden, bis sie fertig war. Die einzig gestohlenen Stunden ihrer Woche. Ihr Blick hing einen Moment an dem Löffel, mit dem der Apotheker das weiße Pulver in einem Glas verrührte und es dann mit in den Hinterraum nahm. Sie hatte schon einmal darüber nachgedacht, es zu stehlen, aber sie wusste nicht, ob nur das Pulver als Auslöser reichte. Als er zurückkehrte, hielt er ihr einen Schlüssel hin und sie nahm ihn ohne zu zögern.

„Sie haben 60 Minuten.“ Er trat hinter dem Tresen hervor und lief voraus in den abgehenden Gang, der ihr nicht kurz genug vorkommen konnte. „Wenn Sie nach oben gehen, ist Nummer 5 auf der Seite links.“ Sie nickte, erstrebt, keine Sekunde zu verschwenden. Als er sich umdrehte, beschleunigte sie ihre Schritte ohne es zu verstecken. Das Zimmer war kahl bis auf ein Waschbecken, eine Toilette und ein Bett. Das Laken war frisch bezogen, das Glas mit dem Aphrodisiakum stand auf einem Tisch. Sie kümmerte sich nicht um die Aussicht oder das Quietschen, als sie sich auf die Matratze fallen ließ. Kaum hatte sie die Tür abgeschlossen, stürzte sie die Flüssigkeit hinunter, spürte weder die Kälte des Glases unter ihren feuchten Fingerspitzen, noch die kratzige Textur des Spannbettlakens.

Sie schloss die Augen und dann war alles da.

II: ETERNITY

Ich bin in derselben Straße, doch dieses Mal renne ich, ich habe keine Zeit zu verlieren. Das „Eternity“ ist die einzige Bar, in der ich dich sehen kann und nur wenn ich pünktlich bin. Noch während ich laufe, ändert sich meine Optik. Ich trage nun ein schwarzes Kleid, kurz, der Ausschnitt ist gewagter, als ich normalerweise akzeptiere. Ich bin jünger, meine Augen geschminkt, die Haare in einem dunklen, langen Zopf, der mir fast zu schwer vorkommt. Alles an mir prickelt, der Gang, die Haut, die Augen. Als wäre ich in einem Fieber, meine Mutter hat mich immer davor gewarnt und doch habe ich es in den Wind geschlagen. Die Nacht hängt über mir und macht meine Haut silbern, als ich das Gebäude erreiche. Dachterrasse, Kolonialstil mit Säulen, ein schlankes Haus zwischen einer grauen Masse. Die Straße fühlt sich heiß an vom Tag, der Kronleuchter in der Eingangshalle erscheint mir wie ein Magnet. Zeit, schön zu sein. Ich steige die Stufen nach oben, Blick auf dem Wachpersonal. Sie nicken mir zu, ich spüre ihre Blicke einen Moment lang im Nacken, als ich die Eingangshalle betrete.

Schachbrettmuster auf dem Boden, der Duft von Lilien und Parfum in der Nase, als ich Glanz und andere Menschen ignoriere und mich durch die Menge in Richtung Glashaus orientiere. Kurz davor geht die Bar ab, die ich gesucht habe. Das Schild ist voller hellgrünem Licht, der Name „Kaleidoskop“ darüber. Ich werde von jemandem angesprochen und reagiere nicht. Mein Blick sucht, tastet, findet. Dich. Als wäre sämtliche Luft aus dem Raum verschwunden, starre ich dich an, kein Raum- Zeit-Kontinuum mehr spürend. Wenn ich nur einen einzigen Augenblick im Leben immer wieder erleben könnte, wäre es dieser. Du hast mich noch nicht gesehen und deine Frau steht neben dir. Klein, brünett, ein wenig übergewichtig. Ich kann mich nicht auf ihr Gesicht konzentrieren. Deins ist perfekt – ein Profil mit schiefer Nase, dunklen Augenbrauen, einer Schramme neben einem Ohr. Hast du dich geschnitten? Ich folge mit den Augen deiner Haarlinie und deiner Figur bis zu dunklen Turnschuhen, die sich von den Anzugsträgern rund herum abheben. Als hättest du mein Beobachten gespürt, drehst du den Kopf. 

Augen in Augen, fundamental wie eine Erschütterung. Das Lächeln auf deinen Lippen ist kaum erkennbar, unser Blickkontakt schon. Ich bewege mich, ohne es zu merken. Die Menschen um uns herum schenken uns nur geringfügig Aufmerksamkeit. Ich spüre ein paar Blicke auf mir, aber sie verblassen hinter deinem. Du sagst etwas zu der Frau neben dir, ehe du dich auf mich zubewegst. Die Luft ist voller als sonst, fast schon gepresst und ich kann nur darüber nachdenken, was als nächstes passieren wird. Einen Augenblick lang erkenne ich die Linien auf deiner Stirn, das Zögern, du versuchst etwas zu sagen, aber ich weiß, dass du das nie tun wirst, und greife nach deiner Hand und ziehe dich aus dem Raum. Der Körperkontakt, obwohl nur gering, ist überall. Ich erreiche das Glashaus mit dir, in den Fensterscheiben vervielfacht, draußen ist eine letzte Windung der Psychedelikastreet, nur schwach beleuchtet. Ich bin freigeschaltet, nicht mehr retuschiert. Auf einmal kann ich wieder durchatmen und fühlen und ich fühle alles. Gutes. Übersehe das Schlechte. Ich achte nicht auf den Mann, der die Straße hinunterstolpert und gekrümmt geht, wie eine verdrehte Schaufensterpuppe. Wenn ich atme, bestehe ich aus Partikeln, die schillern. 

 Auch hier sind Menschen, ich habe mehrfach versucht mit dir alleine zu sein, aber die Fantasie gibt nicht weiter nach, die Stunde rennt und wir erreichen nie den oberen Stock mit den Einzelzimmern. Wir bleiben reflektiert im Glas. Über uns goldene Leuchter, Botanik rund herum. Die Palmen kratzen an der Decke, das Licht ist ein stetes Flirren, ein Grün in warmem Gelb, ein Kontrast zu den weißen Fliesen. Es riecht nach Orchideen; bittersüß und berauschend, losgelöst von allem, was ich kenne. Die Tanzfläche ist dicht mit Menschen, aber wir finden einen Punkt am Rande; mehr Körperkontakt als Gesprächsatmosphäre. Meine Augen auf deinem Gesicht. Dreitagebart, blaue Augen. Wenn du blinzelst, sieht es aus, als hättest du Schatten unter deinen Augen, verwischt wie Wasserfarbe. Ich lächle, fühle es meine Beine hinabgleiten, bis mein Körper nicht mehr mir gehört, mein Verstand verschwindet, jeder Zentimeter auf dich konzentriert ist. Du riechst nach Orange, gemischt mit Sandelholz, es ist sinnelähmend und aufputschend zur selben Zeit. Ich lege meine Hände in deine, mein Gesicht nach oben gerichtet, mein Blick auf der Haut an deinem Kinn. Mein Puls ist ohrenbetäubend und ziellos, meine Hände kalt, ich klammere mich an die Wärme, die von dir ausgeht. Einen Augenblick lang ist ein klarer Gedanke in meinem Kopf, eine Frage. Wie lange bin ich schon nicht mehr berührt worden?

Ich schließe ihn aus; eine zugeschlagene Tür in meinem Gedächtnis. Nur du bist wichtig. Deine Muskeln sind stark unter meinen Fingern, ein wenig hart zuerst, aber ich spüre eine Lockerung, als wir uns zu bewegen beginnen. Dein Griff fest an meinem Ellbogen, ein Ziehen und Erwidern in mir drin. Mein Kopf ist schwerelos und die Gedanken tauchen unter, ohne Luft zu holen. Wir sind keine Insel, sondern ein Meer.  Wenn ich mich bewege, folgst du mir, dein Bein zwischen meinen, deine Handfläche an meinen, dein Blick auf mir, als wäre ich kostbar. Porzellan? Ich schleife gedanklich daran. Gold? Ein Diamant? Nein, Luft. Ich bin wertvoll wie Luft. Meine Reflektion zeigt eine blonde Frau, die ein rotes Kleid trägt und sich an dich schmiegt. Sie ist schön, wünsche ich mir zumindest. Die Bewegungen fließend, schmelzend, als wären wir ein Stahlträger an einem heißen Tag. Wärme driftet durch mich hindurch. Ich denke daran, wie ich dich zum ersten Mal gesehen habe. Auf der Straße in Marrakesch, ein großer Mann in einem weißen Hemd, der die Menschen in einem Café bediente. Die Augen auf mir, als ich mich näherte.

Zuerst habe ich deine gebräunte Haut wahrgenommen, den Blick gesenkt, weil deiner so stechend gewesen war. Ich habe gedacht, so müsste Luzifer sein, falls er auf der Erde wandelt, dunkel und intensiv wie der Geschmack von Schokolade getunkt in Rotwein. Dann hast du gelächelt und der Anblick verflog. Ich habe es sofort gewusst. Du bist, worauf ich gewartet habe, für immer scheinbar. Deine Stimme war tief, als du mir die Karte gereicht hast, und sie vibrierte, als du mit mir gesprochen hast. Ich nahm die Worte nicht war, ihr Ton war unter meiner Haut und ich wusste, die Melodie würde nicht mehr verschwinden. Ich habe einen Klang bekommen, einen Rhythmus mit dem ich nun funktionieren werde, eine Begleitung all der Töne, die ich selbst in der Welt hinterlassen würde.

Als du hineingingst, starrte ich auf deine verschwindende Gestalt. Ein schneller Gang, hastig fast, um zu mir zurückzukehren. Meine Ohren waren taub für den Lärm um mich herum, ich vergaß den Koffer neben mir, ich vergaß, dass ich erst am Morgen mit jemand anderem geschlafen hatte. Ich verlegte meinen Namen und konnte ihn immer nur dann finden, wenn du mich fragtest. Als du zurückkamst, einen Kaffee in der Hand und die dunklen Haare zerzaust, hatte ich dich geistig bereits ausgezogen, bis auf den kleinsten Zentimeter. Du hattest keine Chance.

 Wieder hier, mittlerweile Körper an Körper. Ich bin näher an dir, aber die Zeit arbeitet gegen uns, nicht träge, sondern rasend. Als sich unsere Blicke treffen, liegt die Spannung aller vorigen Begegnungen darin. Du weißt es nicht, aber ich habe sie alle abgespielt. Ich habe mich daran erinnert, wie du mir morgens Kaffee mitgegeben, mir gewinkt hast, wenn ich in den Bus stieg. Dein Lächeln war unbefangen, uneingeschränkt, nur für mich. Jemand hat es gezeichnet, damit es ideal zu mir passt. Ich halte jetzt deinen Blick, so fest, dass du nur meine Augen siehst, braun mit ein wenig Gold darin – exotisch. Mir kommt ein Hauch über die Lippen, als ich das plötzliche Ziehen spüre. Das „Eternity“ biegt sich unter meinen Füßen, ich weiß, dass ich dies nur noch wenige Minuten haben kann. Ich bin dir so nahe, dass sich unsere Lippen fast berühren. Mein eigener Körper summt überdeutlich, meine Brüste sind an deinem Oberkörper, mein Puls eins mit dem Musikstück, das in einer Endlosschleife spielt. Ich weiß später nicht mehr, wie der Takt geht, aber ich erinnere mich an dein Luftholen. Mein Körper fleht nach mehr. Deine Nase ist an meinem Hals, als du dich hinunterbeugst, dein Atem an mir, warm. Er treibt eine Gänsehaut meine Wirbelsäule hinunter und ich drücke mich an ihn, alle Sinne freigelegt. Wenn wir doch nur hier hinausgehen könnten. Herz. Schlag. Millisekunden, meine Hände in deinem Nacken, meine Finger auf deiner Haut. Sie ist glatt und warm, makellos. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich dich immer noch. Ich bin diejenige, die die Zeit sekundenlang stoppt. Während wir uns zur Musik drehen, gehe ich auf die Zehenspitzen, meine Lippen streifen dein Kinn, meine Augen öffnen sich kurz.

Dein Gesichtsausdruck wirkt überrascht, aber nur ein paar Sekunden. Dann berühren meine Lippen deine. Voll und warm, als hätte jemand eine Wolldecke um mich gelegt und würde sie enger ziehen. Kein Dröhnen mehr in meinem Kopf, keine Hast, keine Panik. Einen Augenblick lang sind wir endlos.  Du öffnest deine Lippen auf meinen, und auch wenn ich kurz ein Zögern spüre, so berühren sich unsere Zungen instinktiv. Ekstase ist auf meinen Körper geschrieben. In Großbuchstaben. Ich kann fühlen, wie mein Körper in sich zusammenfällt, zu Gefühl, zu etwas wird, was nicht mehr nur ich bin. Ich bin nun zwei Personen; eine im Jetzt und eine im Damals. Wenn ich könnte, würde ich jeden Millimeter Haut mit meiner bedecken. Du fasst mich um die Taille und ich bin schmal gegen dich, mein Becken an deinem, deine Erregung an mir und in unserem Kuss. Wir gehen verloren und ich will nie wieder gefunden werden. Schweiß läuft meinen Rücken hinunter und ich höre dein Stöhnen zwischen Lippen und Händen und Brust an Brust. Wenn ich nicht aufpasse, könnte ich mit dir auf der Tanzfläche schlafen. Die anderen Menschen um uns sind so weit weg, eine andere Dimension. Ich will Luft holen und doch wieder nicht, deine Hand gleitet durch meine Haare, rot und kurz, mein Nacken pulsiert unter deinen Berührungen. Das Spiegelbild zeigt nicht mehr zwei Personen, sondern nur noch eine. In Bewegung. Die Musik völlig verdrängt, der Rhythmus vergessen, der Tanz ein Vorspiel, das keinen Höhepunkt erreichen kann. Oder doch? Ich schmecke Wein und Zigarettenrauch, meine Finger klammern sich in deine Arme, als mein Körper sich an deinem biegt. Erst dann löst sich dein Mund von mir. Ich weiß, was kommen wird. Greife nach dir. Muss dich erreichen. Aber die Worte rennen über deine Lippen, schwerelos und ungestüm und ich kann sie nicht bremsen. Spüre, wie die Zeit flieht und ich mich von dir entferne.

„Wer bist du?“ Deine Worte an meinem Ohr, atemlos, deine Lippen noch immer leicht geöffnet. Mein Puls immer noch in meiner Kehle. Ich will antworten, erinnere mich auf einmal wieder an meinen Namen, aber die Psychedelikastreet schreit nach mir. Ihr modriger Geruch liegt unter allem, kämpft sich bereits wieder an die Oberfläche, ich fühle das Spannbettlaken wieder unter mir und sehe trotzdem noch dein Gesicht. Verzweifelt.

Ich bin …

Ich bin …

Ich bin … Erotisie.

III: DELIRIUM

Als sie erwachte lag sie auf dem Bett, die Bettwäsche war nass und ihr Atem noch immer zu schnell. Sie blinzelte, ihre Kehle war vertrocknet und sie sehnte sich nach Wasser. Als sie aufstand, war sie fahrig, alt. Sie versuchte, sich an die Erinnerung zu klammern, aber das Eternity war weit weg. Nur ein Lesezeichen in den tausenden von Gängen ihres Gehirns. Trotzdem sah sie noch minutenlang die Bilder von dir in den Wänden und Treppenstufen, wenn sie Glück hatte, vielleicht auch noch auf der Straße. Die Psychedelikastreet lag nun tot da, ausgestorben und grau. Als sie unten ankam, gab der Apotheker ihr ihre Sachen zurück. Sie wusste, er würde einen Bericht schreiben. Aber es war ihr egal. Sie würde alles tun, um ihn wieder zu sehen.

Patientin 3062

Christine C. zeigt nach wie vor auffälliges und wahnhaftes Verhalten. Zum aktuellen Zeitpunkt kann keine geringere Dosierung verschrieben werden, da die Patientin weiterhin zum Realitätsverlust neigt. Ihre Vorstellungen sind dabei sexuell orientiert und weisen keine tiefgehenderen Gefühle auf. Im Vergleich mit anderen Patienten kann sie einem Handlungsstrang folgen und wirkt dabei strukturiert, wenn auch in einem Zustand psychischen Deliriums. Es liegen keine Pläne für eine Entlassung vor, da Christine C. die getroffenen Kontaktbeschränkungen zu dem Opfer nur geringfügig akzeptiert. Empfohlen wird die regelmäßige Therapie mit Tranquillanzien und psychologischem Beistand. 

Dieses Projekt entstand als Wettbewerbstext für „psychoaktive“ Literatur. Dabei ging es darum eine starke körperliche Wirkung zu erzeugen, indem man eine psychotrope Substanz (in meinem Fall ein „Aphrodisiakum“) beschreibt.

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